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Scholé-Nachrichten – Februar 2024

Frei sein lernen

Das Jahr 2024 ist in vieler Hinsicht ein besonderes Jahr – für mich auch deshalb, weil der Verein “Scholé – Muße für Herz und Geist” heuer 10 Jahre alt wird. Zeit für einen kurzen Rückblick und Ausblick also! Als Sibylle Eisenburger und ich im Frühjahr 2014 zur Vereinsbehörde in Klosterneuburg gingen, waren wir schrecklich aufgeregt. Von einer Gönnerin, die meine engste Vertraute war und ist, hatten wir eine großzügige Spende geschenkt bekommen. In unseren Köpfen schwirrten verschiedenste Ideen, wie wir die Mittel im Sinne des Vereinszwecks – “zur Förderung freier und selbstbestimmter Bildung” – am besten einsetzen könnten.

Im Herzen getragen hatte ich das Projekt Scholé ja schon länger, genauer gesagt seit dem Schock, den das Buch “…und ich war nie in der Schule” sowie etwas später die persönliche Begegnung mit dessen Autor André Stern in mir ausgelöst hatten. Wieso war mir trotz meiner dramatischen Erfahrungen in 7 verschiedenen Schulen/Internaten und trotz der vielen Schulprobleme, die ich mit fremden und eigenen Kindern durchgemacht hatte, bis dahin noch nie der Gedanke gekommen, dass es möglich wäre, junge Menschen einfach frei aufwachsen zu lassen?!

Wir können die Natur nicht verbessern, höchstens stören

Die Antwort war natürlich bei Andrés Eltern zu suchen: Was hatte sie befähigt, diese für die meisten Zeitgenossen nach wie vor “undenkbare” Entscheidung zu treffen? Sie gingen von einem völlig anderen Menschenbild aus, zu dem sie durch ihre persönlichen Erfahrungen im Malort gelangt waren: Der Mensch ist vollkommen, so wie er ist. Jeder Einzelne trägt das universelle Menschheitswissen in seinen Zellen und kommt mit einem individuellen Lernplan zur Welt, der seiner speziellen Lebensaufgabe entspricht. Ein Kind braucht deshalb nur liebevolle Begleitung und Unterstützung, um seine Anlagen aus sich heraus Schritt für Schritt zur Entfaltung zu bringen. Von Beamten ausgearbeitete allgemeine Lehrpläne, die allen Kindern übergestülpt werden, ob sie wollen oder nicht, sind aus dieser Perspektive betrachtet ein Unding…

Für meine Söhne kam diese epochale Erkenntnis leider zu spät, aber ich beschloss, ab nun möglichst viele andere Eltern, Lehrer und Behördenvertreter darauf aufmerksam zu machen, dass unsere Bildungsmisere nicht unlösbar ist, weil es Alternativen zum Schulbesuch gibt! Eine davon ist das Freilernen bei aufgeschlossenen Eltern zu Hause. Die nächste Alternative, die mir “zufällig” begegnete, war Sugata Mitras Experiment “Wolkenschule”: Der indische IT-Fachmann baute einen Computer in die Mauer eines Slumviertels in Kalkutta ein und konnte so unbemerkt beobachten, wie es sogar den unterprivilegiertesten Kindern – allein aufgrund ihrer Neugier und Begeisterung – spielerisch gelang, sich erst die Bedienung des Computers und dann Englisch, Lesen, Schreiben und viele andere Dinge ohne jede Anleitung selbst beizubringen.

Ein Bildungsprojekt, das Viele inspiriert hat

Noch verblüffender waren die Eindrücke, die Sibylle und ich gewannen, als wir nach einjähriger Vorbereitungszeit im November 2013 endlich die sagenhafte Schetininschule, ein russisches Internat im Kaukasus erreichten. Wir konnten dort hautnah miterleben, welch himmelweiten Unterschied es macht, ob Kinder als vernunftbegabte Säugetiere nach Plan unter- bzw. abgerichtet werden, oder ob man sie als hohe geistige Wesen achtet und systematisch dabei unterstützt, sich die Welt auf ihre Weise selbstständig anzueignen.

Weltruhm erlangte die Schetininschule, die nach dem Tod ihres Gründers 2019 leider geschlossen wurde, durch die “unerklärlichen” intellektuellen Hochleistungen, die ihre Absolventen regelmäßig erbrachten. Was uns persönlich aber noch mehr faszinierte, war die gelassene Freundlichkeit der jungen Menschen im Umgang mit uns und miteinander, ihre strahlende Gesundheit und die Begeisterung, mit der sie ebenso diszipliniert wie lustvoll Sport betrieben, sangen, tanzten, musizierten, malten, bauten, kochten, putzten, lernten. Noch nie zuvor waren mir junge Menschen begegnet, die eine solche Würde, Wachheit und Lebendigkeit ausstrahlten!

Ein junger Deutscher, der die Schetininschule absolviert hat, führte uns später genauer in die Schaubildarbeit ein, die dort über die Jahre immer weiter entwickelt wurde. Sie ermöglicht ganzheitliches Lernen in Fächer übergreifenden Sinnzusammenhängen. Ein Schaubild beginnt zum Beispiel mit der Frage, was Mathematik eigentlich ist, wie sie entstand, wozu sie dient, wie vielfältig ihre Anwendungsmöglichkeiten sind und was sie mit den anderen Wissensgebieten – Physik, Chemie, Biologie und Geisteswissenschaften – zu tun hat.

Diese tiefgründigen Fragen werden jedoch nicht von Lehrern beantwortet! Vielmehr setzen sich 4 bis 8 interessierte Schüler verschiedenen Alters – die jüngsten 9, die ältesten 17 Jahre alt – zusammen und beginnen in Büchern und im Internet eigenständig zu recherchieren. Was sie dabei herausgefunden haben, besprechen sie in angeregten Gesprächen miteinander und mit erwachsenen Lernbegleitern, die nur Fragen beantworten dürfen, ohne sich einzumischen. Jede Gruppe ordnet das Material auf ihre Weise und präsentiert es schließlich den Schulkollegen in Form eines Schaubildes. Dabei kommen außer Schrift und Zeichnung auch Lieder oder kurze Sketches zum Einsatz, denn aus eigener Erfahrung wissen die Schüler: Nur wenn sie das Herz und den Geist ihrer Zuhörer erreichen, kann die Übergabe eines Schaubildes gelingen. Nur dann kommt es zu dem geheimnisvollen Lerneffekt, den ein Forscher einmal als “Wissensosmose” bezeichnet hat.

Eine Fußnote dazu: der Schetininschüler, den wir später zu einem Vortrag nach Wien eingeladen haben, war danach längere Zeit in der Weinbergschule am Wallersee, um Lehrern und Schülern sein Wissen und seine Erfahrungen weiterzugeben. Obwohl die Weinbergschüler seit vielen Jahren bei Externistenprüfungen immer überdurchschnittlich gut abschnitten, hat die Bildungsdirektion Salzburg unter fadenscheinigen Vorwänden die Schließung der Schule veranlasst und, damit nicht genug, die Schaubildarbeit als solche für den Unterricht ausdrücklich verboten!

Gesichertes Dasein oder freies Leben?

Wenn Menschen nicht nur selbst in Unfreiheit aufgewachsen sind, sondern später beruflich davon profitieren, dass auch die nächste Generation wieder in Unfreiheit aufwächst – wie das zum Beispiel bei VertreterInnen von Bildungsbehörden der Fall ist -, haben sie begreiflicherweise panische Angst vor einer geistigen Freiheit, die tatsächlich ihr gesamtes, ihnen Sicherheit vermittelndes Herrschaftssystem zum Einsturz bringen würde. Bei den zahlreichen Gesprächen und Informationsveranstaltungen der letzten 10 Jahre ging es immer wieder um die Unvereinbarkeit zwischen einem “gesicherten” geplanten Dasein und einem unabhängigen, selbstbestimmten Leben. Freiheit ist nichts für Angsthasen! Sie lässt sich auch nicht planen, sondern fällt denen als Geschenk in den Schoß, die sich dem Fluss des Lebens anvertrauen – das haben wir viele Male selbst erlebt!

Wenn es um neue Vorhaben ging, haben wir beispielsweise immer Aufstellungen gemacht, um schon im Vorfeld zu klären, ob unsere Ideen zielführend sind oder nicht. Was dabei herauskam, entsprach oft überhaupt nicht unseren Hoffnungen oder Erwartungen, aber wir haben uns dadurch viele Um- und Irrwege erspart, glaube ich! Wenn wir gar nicht mehr wussten, wie es weitergehen soll, begegneten uns dafür oft die merkwürdigsten Zufälle und Synchronizitäten und wiesen uns unerwartete neue Wege.

Die inneren Sinne des Menschen

Als wir zum Beispiel darüber nachdachten, wie wir Eltern denn begreiflich machen könnten, was in ihren Kindern alles steckt, stolperte ich im Internet über das sogenannte Sehen ohne Augen. Diese Fähigkeit zählt zu den inneren Sinnen und ist eine Vorstufe der Hellsichtigkeit. Sie ist in allen Menschen angelegt, verkümmert allerdings spätestens zu Beginn der Pubertät, wenn sie nicht genutzt wird. Bei Seminaren mit Irina Lang konnten viele Eltern staunend miterleben, dass ihre Kinder nur ein bisschen Ermutigung brauchten, um in kürzester Zeit mit verbundenen Augen erst Farben, dann auch Bilder und Gegenstände zu erkennen, Geschicklichkeitsspiele zu spielen oder Texte zu lesen.

Dabei machten wir teils wunderbare, teils traurige Beobachtungen: Ein Mädchen entdeckte, dass sie sich mit geschlossenen Augen viel besser orientieren konnte und es daher kein Problem mehr für sie war, alleine Bahn zu fahren. Ein Schulanfänger, der noch nicht lesen konnte, schaffte das mit verbundenen Augen ohne Mühe. Manchmal kam es aber auch vor, dass ein Elternteil – so weit ich mich erinnere, waren es immer Väter – das Ganze für Humbug hielt und den Verdacht äußerte, die Augenbinden wären undicht gewesen. Das traf die Kinder so hart, dass sie ihre neu entdeckten Fähigkeiten sofort wieder tief in ihrem Innersten vergruben und danach keinen Zugang mehr dazu finden konnten…

Mehr über die inneren Sinne erfuhren interessierte Erwachsene dann von dem Quantenphysiker Alexander Schatanov, der Seminare unter dem Titel “Bildung aus der Zukunft” abhielt. Unser nächster Schritt war die Einrichtung einer Begegnungsstätte für Freilernerfamilien in der Sonnenuhrgasse, wo später auch das Experiment Colearning Space seinen Anfang nahm. Der Versuch, bis zu 45 Kinder zwischen null und sechzehn Jahren gemeinsam frei sich bilden zu lassen, war ein waghalsiges Abenteuer! Bald übersiedelte das Projekt in eine ehemalige Druckerei im 3. Bezirk, die unter Aufbietung beinahe übermenschlicher organisatorischer und finanzieller Anstrengungen zu einer Kombination aus Colearning und Coworking Space ausgebaut wurde.

Selbstbestimmt lernen in Gemeinschaft

In den 5 Jahren, die ich am Rande mit dabei war, konnte ich bei diesem Projekt sehr viel lernen. Es zeigte mir, was große und kleine Kinder spielerisch miteinander und voneinander alles lernen, welche sozialen Spielregeln sie selbstständig entwickeln und wie präzis sie durch ihr Verhalten spiegeln, was die Erwachsenen bewegt. Wenn es Schwierigkeiten gab, hatten diese meist mit Ängsten, Schwächen, falschen Erwartungen und persönlichen Vorurteilen der Erwachsenen zu tun. Dazu kamen wie in fast allen privaten Lerngruppen drängende finanzielle Probleme, Unstimmigkeiten unter den Gründern und natürlich der zunehmende Druck von Seiten der Behörden. Als es schließlich zum Bruch kam, bildeten einige aus dem Team an einem anderen Ort eine neue kleine Lerngruppe, die noch immer existiert. Der Markhof ist heute ein beliebtes Seminarzentrum. Am Nachmittag bietet er Raum und Freizeitangebote für ein soziales Kinderprojekt.

Ende 2017 publizierten zwei Freilernermütter mit mir gemeinsam das Buch LERNEN IST WIE ATMEN (eine 2. Auflage erschien 2023). Seither hat sich die Tätigkeit des Vereins Scholé mehr und mehr auf die Unterstützung von Freilernerfamilien konzentriert, die mutig genug sind, den prüfungsfreien Weg zu wählen. Weil das in Österreich leider immer noch illegal ist, müssen sich die meisten dieser Familien mit langwierigen Gerichtsverfahren herumschlagen und werden regelmäßig zur Zahlung von Verwaltungsstrafen verdonnert. Eine Mutter, von deren 4 Kindern nur eines frei lernte, hat ihre Strafe zweimal sogar im Gefängnis abgebüßt! Das zu ändern ist Ziel der Initiative “Freie Bildungswege”.

Frei sein lernen

Ich persönlich betrachte die Freilerner als Vorboten einer neuen Zeit. Für mich steht außer Zweifel, dass unser materialistisches Zeitalter, das von einem geistfeindlichen Leistungs-, Wachstums- und Kontrollwahn geprägt ist, sein Ablaufdatum bald erreicht haben wird. Mit den selbstbestimmten Menschenkindern, die heute heranwachsen, beginnt eine Ära, in der das, was heute noch eine seltene Ausnahme darstellt, die Regel sein wird: Ein friedliches Miteinander selbstbestimmter Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Herkunft, verschiedener Begabungen, die sich ihrer Einzigartigkeit ebenso klar bewusst sind wie ihrer geistigen Verbundenheit. Solche Menschen sehnen sich nicht mehr nach Führungspersönlichkeiten und träumen auch nicht von globaler Herrschaft. Sie finden ihre größte Freude und Erfüllung darin, dem Leben in allen seinen Formen zu dienen.

Was wir brauchen, um diesen Zustand zu erreichen, bringt der Titel eines kürzlich erschienenen TAU-Sonderheftes zum Thema Bildung auf den Punkt: FREI SEIN LERNEN. Zwei Mitarbeiterinnen des TAU-Magazins, eine Freilernermutter und ich bereiten gerade eine Veranstaltung vor, die ebenfalls unter dem Motto FREI SEIN LERNEN steht. Dabei wird uns bewusst, wieviel wir selbst da noch zu lernen haben! Die Veranstaltung soll zu Frühlingsbeginn, am 22.3.2024 im Dachsaal der Urania-Sternwarte stattfinden und Menschen zusammenbringen, die als Teilnehmende und Teilgebende ihre materiellen und immateriellen Ressourcen einbringen und einander damit gegenseitig beschenken und inspirieren wollen. Solltest du dich zu dieser Feier gerufen fühlen, dann melde dich bitte unter [email protected] bei mir!

Uns allen wünsche ich Muße für Herz und Geist!
Alexandra

2. Auflage "Lernen ist wie Atmen"

Die 2. Auflage unseres Buches trifft auf ein völlig verändertes Lesepublikum.

Dass Lernen außerhalb der Schule überhaupt möglich wäre, galt 2017 als exzentrische Idee von ein paar Außenseitern. Inzwischen mussten sich alle Eltern, ob sie wollten oder nicht, mit außerschulischen Formen des Lernens auseinandersetzen.

Die Zahl der Schulabmeldungen ist seither explodiert und alternative Lernprojekte schießen wie Pilze aus dem Boden.

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