Warum wir Funktionieren mit Leben verwechseln
Dieser Text ist kein Angriff auf Einzelne, sondern eine grundlegende Infragestellung dessen, was wir als „normal“ akzeptieren. Er beschreibt ein wachsendes Gefühl der Entfremdung – von uns selbst, voneinander und von der Natur.
Pfeif auf ein Leben, das man angeblich frei leben kann, obwohl einem von klein auf vorgeschrieben wird, wie man zu denken, zu fühlen, zu arbeiten und zu leben hat.
Manuele Hanke, TAPOJA
Pfeif auf Muttertag, Ostern, Weihnachten, Pfingsten und all die anderen Feiertage, die uns jedes Jahr aufs Neue beschäftigen sollen – als gäbe es nichts Wichtigeres. Während Menschen konsumieren, feiern und sich für einen kurzen Moment ablenken, brennt rundherum längst etwas viel Größeres.
Pfeif auf ein Leben, das man angeblich frei leben kann, obwohl einem von klein auf vorgeschrieben wird, wie man zu denken, zu fühlen, zu arbeiten und zu leben hat.
Und trotzdem weiß ich – genauso instinktiv wie ein Samen weiß, was aus ihm werden möchte – ganz genau, wonach ich mich sehne: ein naturnahes Leben, etwas Sinnvolles erschaffen, etwas Nachhaltiges hinterlassen. Doch wie soll etwas wachsen und gedeihen, wenn weder wir Menschen noch die Natur überhaupt noch die richtigen Bedingungen dafür bekommen?
Das System – und unsere Rolle darin
Viele Menschen beschimpfen ständig „das System“. Doch was ist dieses System eigentlich? Sind wir es nicht am Ende selbst? Regeln, Gesetze, Moralvorstellungen, Definitionen von richtig und falsch, legal und illegal – all das wurde irgendwann von Menschen erschaffen. Von Menschen, die entschieden haben, wie Gesellschaft zu funktionieren hat. Und ja — es gibt viele Menschen, für die genau dieses System vollkommen passt. Menschen, die sich mit den bestehenden Regeln identifizieren, Sicherheit darin finden und genau so leben wollen. Für sie funktioniert diese Welt.
Dann gibt es jene, die längst spüren, dass ihnen dieses Leben eigentlich nicht guttut. Menschen, die innerlich erschöpft, entfremdet oder unglücklich sind, aber trotzdem weitermachen, als gäbe es keine andere Möglichkeit. Sie verteidigen Regeln und Strukturen, unter denen sie selbst leiden — vielleicht aus Angst vor Veränderung, vielleicht aus Gewohnheit oder weil sie verlernt haben, sich ein anderes Leben überhaupt noch vorstellen zu können.
Und dann gibt es die Menschen, die wirklich etwas verändern wollen. Menschen, die fühlen, hinterfragen und versuchen, etwas Sinnvolleres aufzubauen. Doch genau diese Menschen werden oft belächelt, ignoriert oder sogar als „Sekte“ abgestempelt. Nicht weil ihre Ideen falsch wären, sondern weil echte Veränderung selten in eine Welt passt, die auf Anpassung, Sicherheit und Funktionieren aufgebaut ist.
Wie oft haben Menschen bereits versucht, diese Gesellschaft wachzurütteln? Wie oft wurde gewarnt, hinterfragt und versucht, andere zum Nachdenken zu bewegen? Sie stoßen immer wieder auf dieselbe Mauer — auf Ablehnung, Spott, Unverständnis oder den ständigen Druck, sich wieder anzupassen. Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem unserer Gesellschaft: Nicht nur im System selbst, sondern darin, dass jede echte Veränderung sofort gegen die Angst, die Bequemlichkeit und die Gewohnheit der Mehrheit ankämpfen muss.
Das Schwierige daran ist: Systeme erhalten sich selbst. Veränderungen geschehen schleichend — langsam genug, damit sich die Mehrheit daran gewöhnt, ohne überhaupt zu bemerken, wie viel dabei verloren geht. Systeme beschäftigen Menschen rund um die Uhr — mit Druck, Angst, Ablenkung, Konsum und dem ständigen Gefühl, mithalten zu müssen.
Alles wird nur noch nach Nutzen, Risiko und Verwertbarkeit beurteilt. Selbst ein lebendiger, jahrzehntealter Baum wird zu etwas, das man bedenkenlos entfernt, sobald es nicht mehr perfekt ins System passt.
Manuele Hanke, TAPOJA
Wenn selbst Natur zum Störfaktor wird
Aktuell leben wir auf einem Gemeinschaftshof. Ein Ort, der eigentlich Visionen ermöglichen sollte: gemeinsames Leben, gegenseitige Unterstützung, Verbundenheit und Unabhängigkeit. Doch selbst dort zeigt sich, wie schwer echtes Miteinander geworden ist.
Dem Besitzer des Gemeinschaftshofes geht es nicht darum, gemeinsam Werte zu schaffen, gemeinsam Verantwortung für kommende Generationen zu tragen oder langfristig etwas aufzubauen. Statt echter Gemeinschaft entsteht oft nur ein Nebeneinander.
Unterschiedliche Werte, fehlende gemeinsame Ziele und die generelle Unfähigkeit vieler Menschen, wirklich miteinander statt nur nebeneinander zu leben, machen es nahezu unmöglich, etwas Nachhaltiges aufzubauen.
Genau deshalb sind wir wieder einmal auf der Suche nach dem richtigen Platz. Ein Ort, an dem echtes Leben überhaupt noch möglich ist. Ein Ort, an dem Natur nicht bloß Kulisse ist, sondern Grundlage.
Gestern fanden wir ein Grundstück, das all diese Träume plötzlich greifbar erscheinen ließ. Doch schon das Gespräch mit der Maklerin zeigte wieder, wie unsere Gesellschaft heute denkt.
Am Rand des Baulandes stand eine atemberaubende Fichte – mindestens hundert Jahre alt. Die Gemeinde meinte, sie müsse gefällt werden, weil sie eine „Bedrohung“ darstellt. Die Maklerin sagte nur: „Macht doch nichts, es stehen ja noch genug andere dort.“
Und genau das beschreibt den Zustand dieser Welt.
Ich habe die Nase voll von einer Welt, die Wachstum predigt, aber gleichzeitig allem, was wirklich wachsen und lebendig sein will, ständig den Raum nimmt.
Ich habe verstanden — auch wenn ich es bis heute nicht akzeptieren kann — dass viele Menschen vermutlich nicht mehr wirklich aufwachen werden. Zu tief sitzen Gewohnheit, Angst, Ablenkung und Anpassung.
Und selbst wenn diesen Beitrag viele Menschen lesen werden, bleibt am Ende vor allem eine Frage:
Wenn ihr erkennt, wohin wir uns bewegen und was wir dabei riskieren zu verlieren — warum tun wir dann nichts gemeinsam dagegen?
Fazit
Unabhängigkeit & Freiheit
Unabhängigkeit beginnt nicht im Außen, sondern in der radikalen Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Freiheit entsteht dort, wo Menschen den Mut entwickeln, bestehende Strukturen nicht nur zu kritisieren, sondern bewusst andere Wege zu gehen. Solange Anpassung bequemer bleibt als Veränderung, wird sich wenig verschieben.
Doch jede echte Entscheidung für ein bewusstes, naturverbundenes und selbstbestimmtes Leben ist ein Schritt raus aus dem bloßen Funktionieren – und zurück ins tatsächliche Leben.
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