Scholé-Nachrichten – November 2025

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Liebe Scholé-Freunde

Als meine Freundin Gudrun, die Herausgeberin des TAU Magazins, mich eingeladen hat, für die nächste Ausgabe einen Text über das Denken zu schreiben, war ich erstaunt, wie viele Einwände mir gleich einfielen. Dabei war Denksport von Kindheit an mein Lieblingssport. Seitdem ich mir mit 4 Jahren das Lesen selbst beigebracht habe, gab es für mich keinen Tag ohne Bücher.

Lesen/Denken ist Abenteuer im Kopf – diesem Werbespruch kann ich nur zustimmen. Woher kommen also die Einwände gegen die Freude am Denken? Sie lassen sich nur durch den derzeit allgegenwärtigen Missbrauch des Denkens erklären.

Die guten alten Regeln der Logik sind offenbar in Vergessenheit geraten.. Bei vielen aktuellen Diskussionsthemen sind die Positionen so festgefahren, dass man sich logische Gegenargumente von vornherein sparen kann. Das hohe Ziel der Aufklärung, die Befreiung der Menschen von der Bevormundung durch Kirche und Staat, hat seine Strahlkraft verloren – weshalb? Weil der Verstand erst in Kombination mit dem freien Willen zur Vernunft wird, dem Hauptcharakteristikum des Menschen, das ihn von anderen Lebewesen unterscheidet.

Vernünftiges, also freies Denken macht Freude. Es hat die wissenschaftlichen, technischen, rechtlichen und politischen Fortschritte hervorgebracht, deren Früchte wir heute genießen. Freies Danken ist seiner Natur nach individuell, folgt jedoch verbindlichen Regeln, um die Kommunikation mit anderen individuellen Denkern zu erleichtern. Gruppendenken existiert eigentlich gar nicht, es geschieht nur leider häufig, dass Menschen ihr Naturrecht auf freies individuelles Denken aus Angst, Faulheit und/oder Feigheit an Obrigkeiten delegieren.

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen
Immanuel Kant
Immanuel Kant
Erkenntniskritiker

“Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen”, mahnte deshalb der große Erkenntniskritiker Immanuel Kant, wohl wissend, dass es Erkenntnis und Moral nur im Singular gibt. Verantwortung für sein Denken, Reden und Tun kann nur der Einzelne tragen, sofern seinen Gedanken, Worten und Taten eine freie, informierte Entscheidung zugrunde lag.

Die vier Grundregeln des Denkens

Wann ist uns das freie Denken abhanden gekommen? Wann haben wir vergessen, dass auch das Sprachspiel wie jedes Spiel seinen Sinn verliert, wenn die Spieler sich nicht mehr an die Regeln halten?

Das Zeitalter der Aufklärung

Gehen wir also zurück zu den historischen Anfängen. Um das Jahr 1700 wurden hoch talentierte Menschen in ganz Europa von einer gemeinsamen Idee ergriffen: Allen Menschen sollten gleiche Rechte zustehen und alle sollten Zugang zum Wissen erhalten.

Universalgelehrte wie Descartes, Voltaire, Leibniz und Newton setzten sich für die Aufklärung der Bevölkerung ein, für deren Befreiung von kirchlicher und staatlicher Bevormundung. Gemeinsam mit vielen Gleichgesinnten arbeiteten sie an einer großen Enzyklopädie, einer Sammlung des Weltwissens. Dieses damals noch unerfüllbar scheinende Projekt ist spätestens mit der Erfindung der KI durch ihre Nachfolger im 21 Jahrhundert verwirklicht worden. Vielleicht ist es nun also an der Zeit, jenen bedeutenden Forschern Aufmerksamkeit zu widmen, die sich vor 300 Jahren noch nicht durchsetzen konnten.

Warum sollten Glauben und Wissen einander ausschließen?

Ein Zeitgenosse der frühen Aufklärer war zum Beispiel der fromme Mathematiker, Erfinder und Philosoph Blaise Pascal. “Wir erkennen die Wahrheit nicht nur durch die Vernunft, sondern auch durch das Herz”, lautet eines seiner bekanntesten Zitate, “Alles ist eins und alles ist verschieden” ein anderes.

Wir erkennen die Wahrheit nicht nur durch die Vernunft, sondern auch durch das Herz.

Alles ist eins und alles ist verschieden.
Blaise Pascal
Blaise Pascal
Mathematiker, Erfinder und Philosoph

Von Pascal ausgehend könnten wir sicher eine lange Reihe bedeutender Dichter und Denker entdecken, die abseits der Hauptstraße des Materialismus blühten und Früchte trugen. Auch unter den Physikern, Chemikern, Biologen oder Geologen gibt es so manche, die uns etwas erzählen könnten, das in der elektronischen Enzyklopädie noch fehlt. Was diese Autoren faszinierte, war nicht der zählende, messende und berechnende analytische Verstand, sondern das Außen und Innen verbindende Bewusstsein. Ohne die Verdienste der Aufklärer schmälern oder negieren zu wollen, denke und glaube ich: Die Erforschung und Erweiterung des Bewusstseins ist die nächste und wahrscheinlich wichtigste Station auf dem abenteuerlichen Weg der menschlichen Vernunft.

Viel Freude und Erfolg mit dieser  beglückenden neuen Aufgabe wünscht euch von Herzen
Alexandra

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