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AMO-Zyklus: Verschieben sich PV- und Winderträge?

Landschaft

Der Atlantik bestimmt unseren den Energieertrag mit

Die Energiewende wird meist technisch diskutiert: mehr Photovoltaik, mehr Windkraft, mehr Netze, mehr Speicher. Doch eine zentrale Frage bleibt oft im Hintergrund: Wie stabil sind die Wetter- und Klimamuster, auf denen die erwarteten Erträge beruhen? Hier kommt die Atlantische Multidekadische Oszillation, kurz AMO, ins Spiel. Sie beschreibt langfristige Schwankungen der Meeresoberflächentemperaturen im Nordatlantik.

In der Forschung wird häufig auch von Atlantischer Multidekadischer Variabilität, AMV, gesprochen, weil nicht abschließend geklärt ist, ob es sich um eine echte, regelmäßig wiederkehrende Oszillation oder um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Klimafaktoren handelt.

Der Kern bleibt dennoch relevant: Der Nordatlantik zeigt über Jahrzehnte hinweg wärmere und kühlere Phasen. UCAR/NCAR beschreibt die AMO als kohärente natürliche Variabilität im Nordatlantik mit einer geschätzten Periodik von etwa 60 bis 80 Jahren. NOAA weist zudem darauf hin, dass die AMO mit Niederschlagsveränderungen in Nordamerika und Europa, Dürrephasen und der Intensität atlantischer Hurrikane in Verbindung steht. Zugleich ist wissenschaftlich umstritten, wie sauber sich ein eigenständiges AMO-Signal vom erzwungenen globalen Erwärmungssignal trennen lässt.

Für die Energieplanung ist diese Unsicherheit kein Grund, das Thema zu ignorieren. Im Gegenteil: Wenn der Nordatlantik in den kommenden Jahrzehnten in eine andere Phase übergeht, können sich auch Wind, Bewölkung, Niederschlag und Sonneneinstrahlung verschieben. Genau diese Faktoren bestimmen die realen Erträge von Photovoltaik und Windkraft.

Der AMO-Verlauf:
ein Hintergrundsignal

Amo Zyklus

Historisch zeigen AMO-Daten einen wiederkehrenden Verlauf: eine kühlere Phase um die frühen 1900er Jahre, eine warme Phase von den 1930er bis 1950er Jahren, eine kühlere Phase in den 1970er und frühen 1980er Jahren und eine erneute Warmphase ab Mitte der 1990er Jahre bis in die 2010er Jahre.

Das letzte markante AMO-Minimum lag ungefähr um 1978. Das jüngste Maximum dürfte im Bereich der 2010er Jahre liegen. Wird dieser historische Rhythmus fortgeschrieben, könnte sich in den 2030er Jahren ein Übergang in eine neutralere oder kühlere AMO-Phase abzeichnen. Ein mögliches nächstes Minimum läge dann eher in Richtung Mitte des Jahrhunderts.

Das ist keine exakte Vorhersage. Klimazyklen laufen nicht wie ein Uhrwerk. Einzelne Jahre können weiterhin sehr warm ausfallen. Auch der Nordatlantik selbst war in den vergangenen Jahren außergewöhnlich warm. Entscheidend ist daher nicht die Behauptung, es werde nun einfach „kälter“. Entscheidend ist die Frage, ob sich die Ertragsmuster wetterabhängiger Energiequellen verändern können.

Der kritische Faktor:
nicht nur Sonne ...

Photovoltaik wird oft als relativ berechenbare Energiequelle betrachtet. Die tägliche und saisonale Sonnenbahn ist bekannt, die Technik ist ausgereift, und die Ertragsmodelle sind gut entwickelt. Trotzdem hängt der reale PV-Ertrag wesentlich von Bewölkung, Aerosolen, Luftfeuchtigkeit und Temperatur ab.

Hohe Temperaturen können die Leistung von PV-Modulen verringern, während starke Bewölkung die Einstrahlung reduziert. Eine Nature-Studie zu Klimaextremen und PV-Erträgen nennt hohe Temperatur und Wolken ausdrücklich als Faktoren, die die Stromausbeute von Photovoltaik verschlechtern können.

Eine mögliche AMO-Verschiebung könnte daher für Mitteleuropa mehrere Folgen haben. Wenn sich Großwetterlagen verändern, könnten sich auch Bewölkung und Niederschlagsmuster verschieben. Eine kühlere AMO-Phase könnte in Teilen Europas zu anderen Westwindlagen, feuchteren Abschnitten oder stärker wechselhaftem Wetter beitragen. Für PV wäre das besonders im Winterhalbjahr relevant, denn dort sind die Erträge in Österreich und Deutschland ohnehin niedrig.

Im Sommer könnte eine kühlere oder wechselhaftere Phase zwar die Modultemperaturen senken, was technisch leicht vorteilhaft wäre. Dieser Vorteil wäre aber begrenzt, wenn gleichzeitig mehr Bewölkung auftritt. Für die Versorgungssicherheit zählt daher nicht nur der Jahresertrag, sondern vor allem die Frage: Wann fällt der Ertrag an?

Ein PV-System, das im Sommer hohe Überschüsse liefert, löst nicht automatisch das Winterproblem. Wenn eine AMO-Verschiebung feuchtere, wolkigere oder wechselhaftere Wintermuster begünstigt, wird der saisonale Unterschied zwischen Sommerüberschuss und Wintermangel energiewirtschaftlich noch wichtiger.

Windkraft:
Noch stärker abhängig von Großwetterlagen

Windkraft reagiert weniger auf Temperatur, dafür umso stärker auf Druckverteilung, Sturmzugbahnen, Jetstream-Lage und regionale Zirkulation. Schon kleine Verschiebungen in der nordatlantischen Atmosphäre können große Folgen für Windgeschwindigkeiten und Windstromerträge haben.

Das bedeutet: Eine veränderte AMO-Phase würde Windkraft nicht automatisch schlechter oder besser machen. Sie könnte Ertragsräume verschieben. Manche Regionen könnten häufiger windreiche Lagen erleben, andere häufiger Flauten. Besonders Nordwest- und Mitteleuropa sind hier sensibel, weil viele Windlagen direkt oder indirekt durch den Nordatlantik geprägt werden.

Für Offshore-Wind in Nordsee und Atlantiknähe ist diese Frage besonders relevant. Die installierte Leistung kann weiter steigen, doch die gesicherte Leistung bleibt wetterabhängig. Wenn sich Sturmzüge verlagern oder längere windarme Phasen häufiger auftreten, verändern sich die realen Systemanforderungen. Dann reicht es nicht, nur die durchschnittliche Jahresproduktion zu betrachten.

Die entscheidende Frage lautet: Wie häufig treten längere Windarmutsphasen auf, und fallen sie mit niedriger PV-Produktion zusammen?

Dunkelflaute:
Der eigentliche Stresstest

Der problematischste Fall ist nicht ein einzelner schwacher Tag. Der eigentliche Stresstest ist die Dunkelflaute: längere Phasen mit wenig Wind und wenig Sonneneinstrahlung. Sie treten besonders im Winter ins Gewicht, wenn PV-Erträge niedrig sind und der Strombedarf durch Heizung, Beleuchtung und Industrie hoch bleibt.

Neuere Forschung zu europäischen Dunkelflauten beschreibt solche Phasen als zentrale Herausforderung für klimaneutrale Energiesysteme auf Basis variabler Wind- und Solarenergie. In einer Untersuchung zu 38 historischen Wetterjahren wurde gezeigt, dass die Eigenschaften solcher Ereignisse stark von der gewählten Schwelle abhängen. Besonders extreme Ereignisse können längere Entladephasen von Langzeitspeichern bestimmen. Für ein perfekt vernetztes Europa wurde das Extremereignis Winter 1996/97 mit 55 Tagen angegeben; die mittlere Verfügbarkeit des erneuerbaren Portfolios lag dabei noch bei 47 Prozent des langfristigen Mittels.

Diese Zahlen zeigen zweierlei. Erstens: Räumliche Vernetzung und ein Mix aus Wind und Solar helfen. Zweitens: Auch ein großes, gut vernetztes System bleibt auf Speicher, Reserveleistung und flexible Nachfrage angewiesen.

Eine AMO-Verschiebung könnte diese Dunkelflauten nicht zwangsläufig verstärken, aber sie könnte deren regionale und saisonale Muster verändern. Genau deshalb müssen historische Ertragsjahre, langfristige Klimazyklen und Extremereignisse gemeinsam betrachtet werden.

Der Denkfehler:
Erträge der Warmphase einfach fortschreiben

Viele Ausbaupläne für PV und Wind basieren auf Wetter- und Ertragsdaten der vergangenen Jahrzehnte. Doch diese Jahrzehnte lagen größtenteils in der modernen Warmphase des Nordatlantiks. Wenn diese Phase nicht repräsentativ für die kommenden Jahrzehnte ist, können Ertragsannahmen systematisch verzerrt sein.

Das heißt nicht, dass PV und Windkraft ungeeignet wären. Es heißt, dass sie nicht als statische Größen geplant werden dürfen. Eine Anlage mit einem bestimmten Jahresertrag im historischen Mittel kann künftig andere saisonale Profile, andere Schwankungen und andere Extremrisiken aufweisen.

Für eine robuste Energieplanung ist daher entscheidend:

Fazit
Energieautonomie braucht Klimarealismus

Der AMO-Zyklus ist kein Beweis für eine kommende globale Abkühlung. Er ist aber ein ernstzunehmender Hinweis darauf, dass der Nordatlantik über Jahrzehnte hinweg seine Muster verändern kann. Für Europa bedeutet das: Auch die Ertragslagen von Photovoltaik und Windkraft können sich verschieben.

Eine verantwortliche Energiewende darf deshalb nicht nur installierte Leistung zählen. Sie muss die schwachen Phasen absichern. Entscheidend sind Speicher, dezentrale Strukturen, lokale Energiegemeinschaften, regelbare Lasten, Notstromfähigkeit, Wasserkraft, Biomasse, thermische Speicher und ein realistischer Umgang mit Dunkelflauten.

Darin liegt der zentrale Punkt: PV und Wind können wichtige Bausteine einer freien Energiezukunft sein. Aber sie dürfen nicht zur neuen Abhängigkeit werden, wenn sie ohne Speicher, ohne regionale Resilienz und ohne Blick auf langfristige Klimazyklen geplant werden.

Unabhängigkeit entsteht nicht durch maximale Einspeisung an Ideal-Tagen. Sie entsteht durch Versorgungssicherheit in jenen Wochen, in denen Sonne, Wind und Wetter nicht liefern, was Modelle im Durchschnitt versprechen.

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