Infraschall: Streit um Windkraft-Risiken

Windrad Landschaft

Infraschall: Brandbrief und wissenschaftliche Kritik

Die Debatte um Windkraft erhält eine neue Dimension. Mit einem öffentlichen Brandbrief an das Umweltbundesamt (UBA) warnt die Deutsche Schutz-Gemeinschaft Schall für Mensch und Tier e.V. (DSGS) vor gesundheitlichen Gefahren durch Infraschall, der von immer größeren Windkraftanlagen ausgeht. Während die Behörde weiterhin keine belastbaren Hinweise für eine Gesundheitsgefährdung sieht, soll der Fall nun auf EU-Ebene geprüft werden.

Im Zentrum der Kritik steht der von Windkraftanlagen erzeugte Infraschall – tieffrequente Schallwellen unterhalb von 20 Hertz, die für das menschliche Ohr nicht hörbar sind. Diese entstehen, wenn Rotorblätter am Turmmast vorbeiziehen und Druckimpulse erzeugen. Messungen zeigen charakteristische periodische Signale mit Grundfrequenzen im Bereich unter 1 Hertz sowie Oberwellen. Anders als diffuser natürlicher Infraschall – etwa durch Wind oder Meeresrauschen – sei der von Windrädern erzeugte Schall impulsartig und regelmäßig.

Die DSGS argumentiert, dass die bisherige Bewertungspraxis unzureichend sei. Insbesondere die Orientierung an der akustischen Wahrnehmungsschwelle sowie die übliche dB(A)-Bewertung würden den nicht hörbaren Frequenzbereich nicht adäquat erfassen. Gefordert wird eine differenzierte Beurteilung auf unbewerteter dB(Z)-Basis sowie ein Moratorium für den weiteren Ausbau großer Windturbinen herkömmlicher Bauart.

Medizinische Argumente und internationale Studien

Medizinisch stützt sich die Argumentation unter anderem auf die Forschung zu mechanosensitiven Ionenkanälen, sogenannten PIEZO-Kanälen. Diese kommen in Gefäßen, Organen und im Gehirn vor und reagieren auf mechanische Reize. Vertreter der DSGS verweisen darauf, dass dauerhafte Infraschallexposition theoretisch Funktionsstörungen, Mikrozirkulationsprobleme oder neuroinflammatorische Prozesse begünstigen könne.

Genannt werden Symptome wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Blutdruckveränderungen, Konzentrationsprobleme und Herzrhythmusstörungen. Besonders gefährdet seien Kinder in sensiblen Entwicklungsphasen sowie Schwangere. Auch tierische Reaktionen werden angeführt: Verhaltensänderungen bei Nutztieren, reduzierte Milchleistung, sinkende Reproduktionsraten oder Vergrämungseffekte bei Wildtieren.

Internationale Forscher unterstützen die Forderung nach weiterer Prüfung. Arbeiten aus Schweden und Frankreich stellen die bisherigen Berechnungsverfahren für große Windkraftanlagen infrage und verweisen auf mögliche systematische Unterschätzungen der Schalldruckpegel. Zudem wird ein potenzieller Ausbreitungsradius von bis zu 10 oder 15 Kilometern diskutiert. Mit dem Trend zu 7-Megawatt-Anlagen könnten Reichweite und Intensität weiter zunehmen.

Position des UBA und politische Dimension

Das Umweltbundesamt hält dagegen. Nach seiner Einschätzung gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Belege dafür, dass Infraschall von Windkraftanlagen auf Zellebene schädigend wirkt. Die durch externe Quellen erzeugten Druck- oder Scherkräfte lägen deutlich unter jenen, die durch körpereigene Prozesse wie Herzschlag, Atmung oder Blutdruck entstehen. Zudem zeigten Messreihen, dass der natürliche Wind häufig stärkere Infraschallanteile erzeuge als die Turbinen selbst. Der Behörde sind nach eigener Aussage keine nachweislich kausalen Gesundheitsfälle bekannt.

Die Auseinandersetzung berührt damit ein zentrales Vorsorgeprinzip: Wie ist bei wissenschaftlicher Unsicherheit zu handeln? Das Bundesverfassungsgericht betonte 2021 im Klimaschutzurteil die besondere Sorgfaltspflicht des Gesetzgebers bei möglichen gravierenden oder irreversiblen Beeinträchtigungen. Genau darauf beruft sich die DSGS.

Nun richtet sich der Blick nach Brüssel. Der EU-Umweltausschuss hat wissenschaftliche Arbeiten zum Thema erhalten, und die Kommission soll eine Stellungnahme abgeben. Parallel verfolgt die EU ambitionierte Ausbauziele für Windenergie. Damit steht nicht nur eine technische, sondern eine grundsätzliche Frage im Raum: Wie werden Energiepolitik, Gesundheitsschutz und wissenschaftliche Evidenz gegeneinander abgewogen?

Fazit der GAIA Redaktion
Unabhängigkeit = Freiheit

Unabhängigkeit und Freiheit setzen in erster Linie informierte Entscheidungen voraus. Wo wissenschaftliche Unsicherheit besteht, braucht es transparente Forschung, offene Debatten und institutionelle Sorgfalt. Nur so lassen sich Energieziele und der Schutz der Gesundheit in ein Gleichgewicht bringen, welches wir gut verantworten können.

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