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Das pädagogische Credo

Die Integrität des Kindes als Individuum und die Integrität seiner Umwelt – das sind die zwei untrennbar miteinander verbundenen Grundprinzipien, auf denen Schule in der Form, wie meine Mitarbeiter und ich sie verstehen, beruht. Die allererste Aufgabe des Schulunterrichts sollte es sein, sich mit den Sinn der menschlichen Existenz zu befassen.
Der Lehrplan ist heutzutage in unterschiedliche Fächer aufgeteilt, die nichts miteinander zu tun haben. Die Wahrnehmung der Welt wird dadurch in säuberlich getrennte Kanäle gelenkt, so dass es einem Schüler manchmal schwer fällt zu glauben, dass sie alle Bestandteile eines einzigen großen Ganzen sind.

Die eigentliche Stärke der Kunst liegt darin, dass sie Zersplittertes in einen neuen Zusammenhang bringt und dadurch ein ganzheitliches Bildungs- und Erziehungssystem ermöglicht, das dem Geist junger Menschen eine holistische Weltsicht einprägt. Doch diese Aufgabe kann die Kunst nur dann wirklich erfüllen, wenn Kinder in einer Atmosphäre aufwachsen, in der die Grundwerte des Lebens bejaht werden – eine Atmosphäre gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Forschens, wo jede Unterrichtsstunde von kreativer Freude durchdrungen ist.
Dann habenwir etwas, worüber es sich nachzudenken lohnt. Dann ist die Voraussetzung dafür gegeben, dass Kinder Kunst wirklich verstehen und zu schätzen lernen. Solange es nämlich an der Möglichkeit fehlt, das hohe Ideal der Kunst aktiv zu leben und mit allen Sinnen zu erfahren, wird es ein hohler Begriff bleiben und sich selbst immer mehr entwerten.

Unsere Erziehungsarbeit beruht auf einer dreiteiligen Harmonie: ICH SEHE – ICH ERFORSCHE – ICH HANDLE. Musik, bildende Kunst und Tanz werden bei uns nicht nur intensiv betrieben, sie sollen auch im schulischen Alltag überall spürbar sein – das ist der springende Punkt! Es gibt kein Programm und keine Methode, die an und für sich eine erfolgreiche Kindererziehung garantieren könnten.

Ähnlich wie die Lehrer der Kindermusikschule von Kizliar (Daghestan) gehen wir davon aus, dass musikalische Erfolge mit der Persönlichkeitsentfaltung eines Menschen Hand in Hand gehen und nicht unbedingt auf speziellen musikalischen Talenten beruhen. So kann eine Spezialbegabung gerade dadurch zutage treten, dass jemand seine Fähigkeiten gleichzeitig auch in zahlreichen anderen Lebensbereichen entwickelt.
Oft erbringen junge Leute Höchstleistungen, nur weil ihnen niemand beigebracht hat, dass diese Höchstleistungen unerreichbar sind. Aus unserer Sicht setzt sich jede Spezialbegabung aus vielen anderen Begabungen zusammen. Talent ist also ein ganzes Netzwerk unterschiedlichster Fähigkeiten.

Das bedeutet, dass eine spezielle Fähigkeit am besten dadurch gefördert wird, dass zugleich auch alle anderen Fähigkeiten aktiviert werden. Zur Erziehung eines Spezialisten ist es also nötig, den Menschen in seiner Gesamtheit zu erfassen, als einheitliches Ganzes.

Viele Jahre Erfahrung liegen hinter uns. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass ein Mensch alles erreichen kann. Wir haben es bewiesen, indem wir unsere multifunktionale Schule entwickelt haben, den gesamten Schulkomplex und ein ganzheitliches Menschenbild. Unser Ziel heißt nicht Wissen – Fertigkeiten – anerzogene Gewohnheiten. Wir halten nichts von endlosem Drill und Lernen nach Noten, wobei Information mit dem Löffel verabreicht wird. Wir wollen den Menschen vielmehr dazu erziehen, harmonisch zu leben und in Harmonie mit der Gesellschaft zu handeln. Ein solcher Mensch fühlt, wenn er die Lebensvorgänge rund um sich beobachtet und erforscht, dass sie alle miteinander zusammenhängen, er nimmt die Welt als Einheit wahr. Und egal, welchen Beruf er wählt – ob er Ingenieur, Physiker, Chemiker, Baumeister, Lehrer oder sonst etwas wird -, er ist sich bewusst, dass er in eine ganzheitliche, alles in sich vereinigende Welt hinausgeht.

michail_petrovich_schetininWir möchten Menschen schon in sehr jungen Jahren dazu befähigen, sich in dieser vereinigten Welt zurechtzufinden. Von Kindheit an sollte ein Mensch aufgerichtet werden, angefangen bei seinen Wurzeln, seinem innersten Wesen. Die Essenz des Menschen ist seine Menschlichkeit und diese besteht darin, dass er im Kampf gegen die Mächte des Chaos und der Zersplitterung alle seine Lebenskräfte integriert. Eine solche Entfaltung seines innersten Wesens ist jedoch nicht nur das Ziel – sie ist zugleich auch das Mittel zur Erreichung dieses Ziels.

Doch weshalb ist die angestrebte Harmonie des Individuums überhaupt eine so anziehende und produktive Idee? Weil nur sie uns befähigt, die Harmonie der Schöpfung als unser kostbarstes Gut zu erkennen und zu bewahren, diese Harmonie, die Jahrmillionen der Evolution hervorgebracht haben.

In der Regelschule erleben wir, wie sich unsere Kinder, die früher aufmerksam und mit großen Augen zugehört haben, nun offenbar von uns abwenden. Wir können beobachten, wie Erziehung zu einer doppelten Lüge wird: die Jungen geben vor zu lernen und die Älteren geben vor zu unterrichten. Die gewaltige Kraft des menschlichen Geistes wird vollständig unterdrückt durch die Starrheit, die mangelnde Flexibilität der Erziehungsmethoden. Sie friert ein und erzeugt nur noch ab und zu klägliche kleine Störungswellen während der langen öden Unterrichtszeit. Seht nur, wie diese Energie in den Pausen auf einmal überbrodelt! Während der langen Phasen der Verzweiflung dagegen erinnert sie an die Zuckungen eines sterbenden Riesen!

In der Regel nehmen die meisten Schüler nur an 2 oder 3 Unterrichtsstunden pro Tag aktiv teil, als aufmerksame und konzentrierte Mitschöpfer des Lernprozesses. Mehr als zwei Drittel der Zeit, die sie in der Schule verbringen, tun sie gar nichts. Es ist, als würde ihr Gehirn schlafen. Aber das ist kein erholsamer Schlaf, sondern ein Schlaf, der ihre Gesundheit bedroht.

Aktiver Informationsaustausch führt zu einem Energieaustausch. Im Zustand der Schläfrigkeit dagegen geraten die Denkprozesse ins Stocken, die psychophysischen Funktionen verlangsamen sich, der Energieaustausch wird gebremst. Der Körper und das Nervensystem sterben buchstäblich langsam ab.

Der Zustand des „Schläfrigen“ wird noch dadurch verschlimmert, dass er voll Anspannung und Angst versucht, sich durch das Nichtstun nicht gänzlich entmutigen zu lassen. Sein Körper steht also die meiste Zeit unter Druck und das ist der Grund, weshalb sein Gesundheitszustand sich mit jedem Schuljahr weiter verschlechtert und parallel dazu auch seine geistigen Kräfte immer mehr verfallen.

Die Regelschule steht nicht im Einklang mit der Natur des Kindes. Sie ist nicht wirklich für Kinder gemacht. Sie trägt weder zur Entfaltung ihrer Talente bei, noch zur Weiterentwicklung ihrer geistigen, körperlichen und moralischen Gesundheit. Wie eine Messerspitze ist sie auf ein sehr eng gefasstes Ziel gerichtet: Wissen – Fertigkeiten – anerzogene Gewohnheiten. Der Focus liegt nicht auf dem Kind, nicht auf dem Individuum und der Entwicklung der zahllosen Fähigkeiten, die es mitbringt, nicht auf seiner allumfassenden Persönlichkeit, sondern ausschließlich auf der Herstellung eines Produktes für den Erziehungsprozess.

Ausgehend von einer englischen Fassung (aus dem Jahr 1989) ins Deutsche übertragen von Alexandra Terzic-Auer (2015)

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S & G Ausgabe 25 / 2021

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