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SCHOLÉ-Nachrichten Oktober 2018

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Liebe Scholé-Freunde, seit einiger Zeit häufen sich Anfragen von Redaktionen, die Interesse am Freilernen bekunden.

Das ist eine ganz neue Entwicklung – sie bringt Chancen und Risken mit sich: Das Risiko, ungeprüft in einen Topf geworfen zu werden mit Staatsverweigerern, Schulschwänzern oder öffentlichkeitsscheuen Sekten, wie es schon öfter der Fall war. Oder aber eine Chance, die scheinbare Alternativlosigkeit der Schulbildung zu hinterfragen und eine breitere Öffentlichkeit auf selbstbestimmte Bildungsformen aufmerksam zu machen.
Einer Kurier-Journalistin, mit der ich mich am kommenden Dienstag treffen werde, habe ich zur Vorbereitung auf unser Gespräch – zusätzlich zu den liberalen britischen Bestimmungen über Home Education – den folgenden Text geschickt:

WEISSE SCHAFE, BITTE VOR DEN VORHANG!

Vor Einführung der allgemeinen Schulpflicht, die einen Meilenstein in der Entwicklung unserer Zivilisation bedeutete, war Bildung im heutigen Sinn wenigen reichen Leuten vorbehalten, die Bücher besaßen und sich Hauslehrer leisten konnten. Seit der Erfindung des Internets hat jeder, der über einen Internetzugang verfügt, damit potenziell Zugang zum Wissen der Welt. Die historische Wende zum digitalen Zeitalter hat vor allem die Schule, die so lange das Monopol der Wissensvermittlung für alle inne hatte, in arge Bedrängnis gebracht. Die erste Generation, die mit dem neuen Medium aufwuchs, war im Umgang damit ihren Eltern und Lehrern schon im Volksschulalter überlegen. Diese Kinder machten die Erfahrung, dass sie ohne Unterstützung oder Unterweisung von Erwachsenen fähig waren, sich neue Fertigkeiten anzueignen und ihre Eltern und Lehrer spielend zu überflügeln. Das hat ihr Selbstbewusstsein natürlich nachhaltig beeinflusst!

Lehrer, deren Autorität in erster Linie auf ihrem Wissensvorsprung beruhte, gerieten in eine Identitätskrise. Der altbewährte Frontalunterricht funktionierte nicht mehr, denn die Klassen, die sie zu unterrichten hatten, wurden immer inhomogener. Je nach Herkunft und Sozialisation weisen schon Schulanfänger immer größere Entwicklungsunterschiede auf. Auch ein 2. verpflichtendes Kindergartenjahr wird diese Situation höchstens marginal verändern können, denn schon jetzt ist sie in Regionen, wo viele Kinder 3 oder mehr Jahre einen Kindergarten besucht haben, nicht nennenswert besser.

Im klassischen, auf äußerer Disziplin – also Jahrgangsklassen, fixen Lehrplänen, Prüfungen und Noten – basierenden Schulsystem hat der Autoritätsverlust von Eltern und Lehrern zu ziemlich verheerenden Auswirkungen geführt: Ratlosigkeit bei vielen Eltern, steigende Berufsunzufriedenheit und Burnout-Raten bei den Lehrenden, psychische Störungen aller Art, Mobbing, Gewalt und Widerstand bei den teils gelangweilten, teils heillos überforderten Schülerinnen und Schülern. Millionen Zeitungsartikel, Studien und Bücher wurden über diese Missstände veröffentlicht, Tausende Therapien sind dagegen vorgeschlagen und teilweise erprobt worden.

Würde man endlich aufhören, nach alter Lehrersitte das Hauptaugenmerk auf Fehler und Probleme zu richten, um sich stattdessen nach gelingenden Beispielen einer zeitgemäßen neuen Bildungskultur umzusehen, wäre das Bild ein völlig anderes. Dann könnte sich die derzeitige Katastrophenstimmung recht schnell in eine optimistische Aufbruchsstimmung verwandeln! Hier nur einige Beispiele.

Es gibt LehrerInnen im öffentlichen Schulwesen, die schon vor Jahrzehnten erkannt haben, dass ihre Schüler gesunde Ernährung, Bewegungsfreiheit und emotionale Geborgenheit notwendiger brauchen als Schularbeiten und Hausübungen. Sie haben Spielecken eingerichtet, gesunde Jausen mit den Kindern zubereitet, deren Stärken hervorgehoben, Fächer- und später sogar Klassen übergreifenden Unterricht eingeführt. Sie sind mit den Kindern so oft wie möglich hinausgegangen in die Natur, in Werkstätten und Ausstellungen. Die schulischen Leistungen ihrer Schützlinge haben darunter nicht etwa gelitten, sondern sind parallel zum Wohlbefinden der Kinder sogar merklich angestiegen. Die Verwaltung blieb davon allerdings unbeeindruckt. Unerbittlich auf Problemfälle fixiert, hat sie diesen persönlich engagierten Lehrkräften durch immer neue restriktive Verordnungen das Leben schwer gemacht. Auf der Gewinnerseite standen bislang daher jene KollegInnen, die ohne Rücksicht auf das Wohl ihrer Schützlinge Dienst nach Vorschrift machten. Als ich einmal mit einer größeren Kindergruppe einen Ausflug machen wollte, fragte ich eine erfahrene Lehrerin, wohin wir gehen könnten. Ihre Antwort: „Keine Ahnung. Wir machen schon seit über 20 Jahren keine Ausflüge mehr, denn da steht man als Lehrer ja ständig mit einem Fuß im Kriminal.“

Deshalb stehen wir heute vor der absurden Situation, dass sich die engagiertesten und erfolgreichsten LehrerInenn verstecken (müssen), weil ihre Erfolge ja eben darauf beruhen, dass sie sich über restriktive amtliche Bestimmungen eigenmächtig hinweggesetzt haben!

Alternativschulen
wie Waldorf- oder Montessorischulen, deren Gründer schon vor 100 Jahren den natürlichen Bedürfnissen der Kinder den Vorrang einräumten, muss man sich leisten können. Obwohl sie der Gesamtgesellschaft auch als Auffangbecken für Schulabbrecher gute Dienste leisten, werden sie nicht nur finanziell ausgehungert, sondern auch immer stärker in Richtung Regelschule reglementiert. In Sonntagsreden beschwören Professoren und Bildungspolitiker zwar gerne wortreich die Notwendigkeit von ganzheitlichem Lernen, Individualisierung und freier Potenzialentfaltung, doch freie oder alternative Schulen, die sich tatsächlich an diesen Grundsätzen orientieren, lässt man im Regen stehen oder verfolgt sie sogar.

Ein noch krasseres Beispiel dafür sind die Freilerner. Die rechtliche Möglichkeit, durch Ausfüllen eines einfachen Formulars Kinder zum häuslichen Unterricht anzumelden, war bis vor kurzem selbst Jugendämtern und AmtsärztInnen weitgehend unbekannt. Es gibt erst wenige Familien in Österreich, die, ermutigt durch Forschungsergebnisse aus Neurologie, Psychologie und Linguistik, von dieser rechtlichen Möglichkeit Gebrauch machen und ihre Kinder einfach zu Hause behalten. Auf diese Weise können sie die für Außenstehende verblüffende Erfahrung machen, dass Kinder auf allen Ebenen freudig weiter wachsen, wenn ihr natürlicher individueller Entfaltungsprozess von den Menschen in ihrem Umfeld so einfühlsam weiter begleitet wird wie während der ersten Lebensjahre. Dazu sind erfahrungsgemäß nur besonders bewusste und achtsame Eltern fähig. Doch obwohl sie sich seit Jahren um Kooperation mit den Behördenvertretern bemühen, werden diese engagierten Menschen von Verwaltung und Medien am liebsten ungeprüft in einen Topf geworfen mit Staatsverweigerern, Schulschwänzern und öffentlichkeitsscheuen Sekten.

Natürlich gibt es innerhalb wie außerhalb des Schulsystems schwarze Schafe, vor denen Kinder unbedingt geschützt werden sollten. Doch nur an positiven Beispielen lassen sich konstruktive neue Erkenntnisse gewinnen! Ist es also nicht hoch an der Zeit, endlich einmal die weißen Schafe zu würdigen und die Vielfalt gelingender Beispiele wissenschaftlich zu erforschen? Als nicht unmittelbar involvierte Beobachterin habe ich das im kleinen Rahmen auf eigene Faust getan. Dabei ist mir zunehmend bewusst geworden, dass die auch als Unschooler bezeichneten Freilerner, deren Kinder ihre natürlichen Anlagen vollkommen selbstbestimmt ausleben dürfen, die mutigsten Pioniere einer neuen Bildungskultur sind. Einer, die Frieden zwischen Mensch und Natur stiftet. Wir werden sie brauchen, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Die globalen Zerstörungen, die wir den nächsten Generationen hinterlassen, gehen nämlich samt und sonders auf das Konto von Leuten, die in dem herkömmlichen, auf Konkurrenz und Wettbewerb ausgerichteten Unterrichtssystem besonders erfolgreich waren…

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!
Alexandra und Melanie

EINLADUNG ZUM 2. TREFFEN ZUR BILDUNGSFREIHEIT
Das 2. Treffen zur Bildungsfreiheit soll ebenfalls unter dem Motto WEISSE SCHAFE, BITTE VOR DEN VORHANG stehen, nachdem wir beim ersten Treffen ausführlich über die Schattenseiten des Schulsystems gesprochen haben. Mit allen, die sich davon angesprochen fühlen, würde ich bei der Gelegenheit sehr gerne eine Aufstellung machen:
Montag, 29. Oktober um 18 Uhr
MARKHOF Bibliothek
1030 Wien, Markhofgasse 19

Buchtipp – “Lernen ist wie Atmen”


Gemeinsam mit zwei Freilernermüttern, Gudrun Totschnig und Sigrid Haubenberger, haben wir es im Selbstverlag herausgegeben.

Wir alle haben das Gefühl, dass die Zeit reif ist für diese vielstimmige Darstellung, wie Freilernen in der Praxis gelebt werden kann. Lass Dich durch die Leseprobe inspirieren oder bestelle am GAIA Marktplatz Dein eigenes Exemplar mit 10% Preisvorteil für Mitglieder.

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