Hermann Scheer: Energie ist nicht gleich Energie
Hermann Scheer sprach in seinem Buch „Der energethische Imperativ“ von einem Strukturkonflikt zweier grundverschiedener Energiesysteme. Ein erneuerbares Energiesystem ist grundsätzlich anders als die herkömmliche Versorgung mit fossilen und atomaren Energien. Wer die Energiewende verstehen will, muss deshalb mehr betrachten als Kraftwerke, Stromnetze und Speicher.
Ein Strukturkonflikt
Obwohl die Energiewende politisch beschlossen wurde, ist ihr Ablauf keinesfalls festgelegt. Die alte, überwiegend zentrale Energieversorgung und die neue, dezentral mögliche Energieerzeugung unterscheiden sich nicht nur technisch. Mit ihnen sind unterschiedliche wirtschaftliche Interessen und Unternehmensstrukturen verbunden.
Hermann Scheer, einer der Pioniere der Energiewende, hat auf diesen Konflikt früh hingewiesen. Er warnte davor, die Energiedebatte allein auf ökologische und technische Aspekte zu beschränken und sie damit zu entpolitisieren. Scheer starb am 14. Oktober 2010. Seine grundlegende Frage bleibt: Wie kann ein neues Energiesystem entstehen, wenn zugleich die Strukturen des alten erhalten werden sollen?
Der falsche Eindruck
Man kann den Eindruck gewinnen, die Energiewende komme vor allem deshalb nicht voran, weil technische Komponenten noch nicht ausgereift oder ausreichend vorhanden seien. Fehlende Stromleitungen, Speicher oder die schwankende Erzeugung aus Sonne und Wind stehen häufig im Mittelpunkt der Debatte.
Doch damit ist nicht alles erklärt. Technische Aufgaben sind zu lösen. Zugleich geht es um politische Entscheidungen und um wirtschaftliche Interessen. Wer in bestehende Kraftwerke und die zugehörige Infrastruktur investiert hat, hat häufig ein Interesse daran, diese Anlagen möglichst lange zu nutzen.
Die Frage nach der Geschwindigkeit der Energiewende ist deshalb auch eine Frage nach den Akteuren, die sie gestalten. Der Klimawandel macht diesen Zeitfaktor umso bedeutsamer.
Hermann Scheer und der Energiesystemkonflikt
In vielen seiner engagierten Vorträge erklärte Hermann Scheer die Grundlagen und Konsequenzen unseres Energiesystems. Sein Ausgangspunkt war einfach: Energie ist nicht gleich Energie.
Die Wahl des Energieträgers beeinflusst nicht nur die Umwelt. Sie prägt auch die wirtschaftliche Entwicklung, die industrielle Organisation und die internationale Politik. Wer fossile, atomare und erneuerbare Energien nur nach ihrem Energieertrag vergleicht, übersieht diese Unterschiede.
Scheers Argumentation lässt sich so zusammenfassen: Grundlegende Veränderungen werden häufig von neuen Akteuren vorangetrieben. Wer vom bestehenden System lebt, wird dessen Ablösung nicht selbstverständlich zur eigenen Aufgabe machen. Für eine erfolgreiche Energiewende braucht es deshalb Menschen, Unternehmen und Gemeinden, die neue Wege gehen können.
Die Energiequelle prägt das System
Hinter dieser zunächst einfachen Aussage verbirgt sich ein weitreichender Zusammenhang. Die Wahl der Energiequelle bestimmt wesentlich, welche technischen und wirtschaftlichen Strukturen anschließend benötigt werden.
Beim Erdöl beginnt das mit Förderrechten und Fördertechnik. Es folgen Aufbereitung, Pipelines, Tanker, Raffinerien und eine umfangreiche Transport- und Vertriebsinfrastruktur. All das erfordert große Investitionen und beeinflusst die Unternehmensformen, die diese Aufgaben übernehmen.
So entstehen lange Versorgungsketten und starke wirtschaftliche Konzentrationen. Das herkömmliche Energiesystem hat den technischen Fortschritt ermöglicht und zugleich die Form unserer industriellen Entwicklung mitgeprägt.
Sonne und Wind haben andere Voraussetzungen. Sie müssen nicht als Brennstoff gefördert und zum Kraftwerk transportiert werden. Ihre Energie kann an vielen Orten genutzt werden – auch in der Nähe des Verbrauchs. Damit eröffnen sich andere Möglichkeiten der Versorgung und der wirtschaftlichen Beteiligung.
Ressourcen und Abhängigkeiten
Die Nutzung fossiler und atomarer Energieträger bindet die Versorgung an Lagerstätten, Förderunternehmen und Transportwege. Daraus entstehen wirtschaftliche und politische Abhängigkeiten. Der Zugang zu Ressourcen kann internationale Konflikte verschärfen.
Scheers Schlussfolgerung war deshalb weitreichender als der bloße Austausch einzelner Kraftwerke: Ein beschleunigter Ausbau erneuerbarer Energien eröffnet die Möglichkeit, solche Abhängigkeiten zu verringern und die Versorgung dezentraler zu organisieren.
Auch ein erneuerbares Energiesystem braucht Rohstoffe, Anlagen und Infrastruktur. Entscheidend ist der Unterschied zwischen der Herstellung einer Anlage und der dauernden Beschaffung und Beförderung ihres Brennstoffs.
Schwerwiegende Konsequenzen
Wer glaubt, das bisherige Energiesystem unverändert aufrechterhalten und lediglich seine Energiequellen auswechseln zu können, unterschätzt den Wandel. Erneuerbare Energiequellen sind an vielen Orten dezentral nutzbar. Damit können neue Akteure Verantwortung für die Energieversorgung übernehmen.
Beim Strom bedeutet das: Verbraucher können zugleich Erzeuger sein – sogenannte Prosumer. Haushalte, landwirtschaftliche Betriebe, Unternehmen und Gemeinden können selbst Strom erzeugen und einen Teil davon unmittelbar nutzen.
Die Rolle der bisherigen Energieunternehmen verändert sich dadurch. Bestehende Geschäftsmodelle und Machtverhältnisse werden infrage gestellt. Netze, Speicher und die Abstimmung von Erzeugung und Verbrauch bleiben dabei wichtige Aufgaben; sie müssen auf die veränderte Versorgung ausgerichtet werden.
Für eine erfolgreiche Strategie müssen wir diesen Zusammenhang verstehen. Die Energiewende ist nicht nur ein Wechsel der Technik. Sie verändert auch, wer Energie erzeugt, wer darüber entscheidet und wer daran wirtschaftlich teilhaben kann.
Zum Weitersehen: Power to the people
Hermann Scheers Vortrag „Power to the people“ greift diese Zusammenhänge auf. Er lädt dazu ein, die Energiewende als gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufgabe zu verstehen – und nicht allein als technische.
https://www.youtube.com/watch?v=575kzHyJT9g
Quellen
- Textgrundlage: die von Wolfgang Löser bereitgestellte Zusammenstellung „Zitate Scheer“, mit Bezug auf „Der Energiesystemkonflikt“, Energiewende rocken. Die Gedanken und längeren Redepassagen werden hier sinngemäß wiedergegeben.
- Hermann Scheer: „Der energethische Imperativ. 100 Prozent jetzt: Wie der vollständige Wechsel zu erneuerbaren Energien zu realisieren ist“, Verlag Antje Kunstmann, 2010.
- Über Hermann Scheer, EUROSOLAR, biografische Angaben.
- „Power to the people“, Vortrag von Hermann Scheer.
Foto: Claude Lebus / Wikimedia Commons, [CC BY-SA 3.0] (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/).
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