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Strukturelle Beschämung im Schulsystem

Im 2. Teil über Beschämung in der Schule geht es um die historische Entwicklung unseres Schulsystems und um die „Bedürfnispyramide“ des Menschen.

Als die allgemeine Schulpflicht im 18. Jahrhundert eingeführt wurde, entsprach das hierarchische Denken den gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten und wurde daher allgemein akzeptiert: Die Oberen hatten das Sagen, die Untertanen mussten gehorchen.

In dem anstrengenden Arbeitsleben, das für die meisten Untertanen schon in früher Kindheit begann, bedeuteten die wenigen Schulstunden für viele eine willkommene Unterbrechung und eine ebenso willkommene Erweiterung ihres geistigen Horizonts. In einigen seltenen Fällen verhalfen sie dem Schüler sogar zu
einer höheren Stellung.

Im 19. Jahrhundert hefteten sich Sozialreformer das Thema Schulbildung auf ihre Fahnen. Sie wollten die Arbeiterschaft durch Bildung ermächtigen, sich aus der Abhängigkeit von Kirchen und Dienstgebern zu befreien – ein Vorhaben, das zumindest teilweise gelungen ist und ohne Zweifel einen Meilenstein in der Bildungsgeschichte darstellt.

Das 20. Jahrhundert brachte den endgültigen Durchbruch der Frauenrechte. Frauen erhielten erstmals die Chance auf höhere Bildung und damit auf ein selbständiges Leben. Schon in den
ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts traten kühne Schulreformer auf den Plan. Sie entwarfen liberale Unterrichtsformen, die dem neuen gesellschaftlichen Ideal der Gleichberechtigung besser entsprechen sollten als der Drill in den herkömmlichen Erziehungsanstalten für Knaben oder Mädchen.

Die revolutionären Ansätze genialer PädagogInnen wie Otto Glöckel, Janusz Korczak, Rudolf Steiner oder Maria Montessori, um nur einige der bekanntesten zu nennen, wurden durch den Aufstieg des Nationalsozialismus aber im Keim erstickt. Die Nationalsozialisten kehrten zum preußischen Schulregiment zurück, ersetzten die Bildungspflicht 1938 durch eine strenge Schulanwesenheitspflicht und hinterließen damit auch im Bildungswesen eine Spur der Verwüstung. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der wirtschaftliche Aufschwung Priorität. Die mit dem Marshallplan aus Amerika einsickernde Ökonomisierung aller Lebensbereiche eroberte schrittweise auch die österreichischen Schulen. Das ohnehin schon brüchige klassische Bildungsideal musste Lehrplänen weichen, die pragmatischere Zielsetzungen verfolgten.

Jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, stehen wir inmitten gesellschaftlicher Umbrüche, deren Tragweite kaum zu erahnen ist. Computer und Internet haben Produktion, Handel und Kommunikation revolutioniert und alte Ordnungen dadurch nachhaltig erschüttert. Ihre einstige Monopolstellung als Wissensvermittlerin hat die Schule im Zeitalter der Elektronik längst eingebüßt, doch ihre neue Funktion hat sie noch nicht gefunden, wie die nicht enden wollenden Bildungsdebatten zeigen. Die anhaltende Krise könnte allerdings darauf hindeuten, dass nun endlich der Paradigmenwechsel bevorsteht, den die oben erwähnten Visionäre schon vor 100 Jahren eingeläutet hatten. Die Pädagogik von Maria Montessori z. B. findet sogar in Regelschulen immer öfter Eingang, auch wenn wahrscheinlich nicht allen Montessori-LehrerInnen klar bewusst ist, dass dahinter ein völlig anderes Menschenbild steht.

Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist

Die Regelschule alten Stils bietet schlechte Voraussetzungen für den kreativen Rückkoppelungsprozess von Herz, Hirn und Hand. Sie ist strukturell auf Konkurrenz ausgerichtet, obwohl ihre VertreterInnen sehr gerne das Gegenteil behaupten. Maria Montessori, Rudolf Steiner, Rebeca Wild und viele andere, oft „namenlose“Anwältinnen der Kinder setzen dagegen auf Kooperation, Symbiose, Synergien: Sowohl auf interner Ebene – als Zusammenspiel von Körper,Seele und Geist – wie auch auf der externen Ebene der Gemeinschaft. Sie vertreten ein Menschenbild, das die körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnisse des Kindes gleichermaßen anerkennt und auch deren natürliche Reihenfolge berücksichtigt.

Am einfachsten kann man sich die Grundbedürfnisse jedes Menschen wie die Stockwerke eines Hauses vorstellen: Das physische Wohlbefinden (Sicherheit und Unversehrtheit, gesunde Ernährung, genügend Schlaf, ausreichende Bewegungsmöglichkeiten) stellt in diesem Bild das Erdgeschoß dar. Den ersten Stock bildet die seelische Geborgenheit (die Gewissheit, bedingungslos angenommen und geliebt zu werden). Und als schützendes Dach wölbt sich darüber die geistige Ausrichtung, ohne die der Mensch den Lebenssinn und damit zugleich seine Würde verliert. Sind diese drei fundamentalen Voraussetzungen erfüllt und abgesichert, können unter dem beweglichen Dach der Sinnsuche mit Hilfe des Verstandes zahlreiche weitere Stockwerke angelegt und beliebig ausgebaut werden. Allerdings wird kein Gebäude dem anderen gleichen, denn jedes Kind ist seinem Wesen nach einzigartig und unvergleichbar.

Was passiert, wenn die natürliche Reihenfolge menschlicher Bedürfnisse bei Kindern und Jugendlichen ignoriert wird, können wir in unzähligen Varianten jeden Tag in der Zeitung lesen: Ein Gebäude ohne soliden Unterbau ist logischer Weise ständig vom Einsturz bedroht. Wird das individuelle Wohlbefinden des Kindes jedoch auf allen drei Ebenen angemessen berücksichtigt, braucht es weder Zwang noch äußere Motivation mehr.

Es zeigt sich nämlich ganz deutlich, dass Kinder von Natur aus wissbegierig und lernwillig sind (wie die moderne Gehirnforschung ja längst nachgewiesen hat), solange ihre Eigenmotivation und ihr individuelles Lerntempo beachtet werden. Und es zeigt sich auch, dass sie von Natur aus auf Kooperation angelegt sind, wobei sie ihre sozialen, handwerklichen, künstlerischen, intellektuellen und spirituellen Talente am besten entfalten können, wenn sie mit Menschen verschiedenster Altersstufen zusammen sein dürfen.

Wissenskonsum statt Wissensdrang

Die vom Militär übernommene Aufteilung der Kinder nach Geburtsjahrgängen und das ständige Bewerten und Vergleichen sind es, die Konkurrenzverhalten bedingen. Und es ist der erzwungene Konsum vorgefertigter, vom Kind selbst oft als sinnlos empfundener Lehrinhalte, der seinen natürlichen, von Eigenmotivation gespeisten Wissensdrang mehr und mehr verkümmern lässt.

Wollen wir diese beiden Hauptelemente der strukturellen Beschämung endlich überwinden, werden wir nicht darum herumkommen, uns auf das Abenteuer echter Autonomie im Bildungswesen einzulassen: Die Rolle der Behörden sollte sich dabei auf die Freigabe und wohlwollende Evaluierung der verschiedenen (Selbst-)Bildungsformen beschränken. Wohin der Weg konkret gehen soll, werden die betroffenen Menschen – Eltern, Kinder und Lernbegleiter – in jedem einzelnen Fall selbst zu bestimmen und zu verantworten haben. Ob die Zivilgesellschaft nun endlich reif ist, sich an bereits existierenden positiven Beispielen zu orientieren und für deren Ausweitung zu engagieren, statt eine Patentlösung sämtlicher Probleme von „denen da oben“ zu erwarten, wird unser aller Zukunft entscheiden.

Ich denke, es ist Zeit für eine INITIATIVE zur gesetzlichen Verankerung der BILDUNGSFREIHEIT!

WEITERFÜHRENDE LITERATUR

  • Förster, H.: Wissen und Gewissen, Suhrkamp Wissenschaft, Frankfurt 1993
  • Frankl, V.: Der Wille zum Sinn, Hans Huber, Stuttgart 1972
  • Hüther, G.: Mit Freude lernen, ein Leben lang, Vandenhoek und Ruprecht 2016
  • Kahl, R.: Treibhäuser der Zukunft, Archiv der Zukunft 2004
  • Illich, I.: Deschooling Society, Harper & Row, New York 1971
  • Pennac, D.: Chagrin d’école, Éditions Gallimard, Paris 2007
  • Rosenberg, M.B.: Gewaltfreie Kommunikation, Junfermann, Paderborn 2003
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